BT 64 erklärt: Das emissionsarme Verfahren bei Wasserschäden und Asbestverdacht
BT 64 ist ein von der DGUV anerkanntes emissionsarmes Verfahren für Arbeiten an potenziell asbesthaltigen Bodenaufbauten. Das Verfahren ermöglicht nach einem Wasserschaden die Probenahme und den Aufbau einer Estrichdämmschichttrocknung.
Gerade seit Inkrafttreten der novellierten Gefahrstoffverordnung Ende 2025 gewinnt das Verfahren in der Schadenregulierung deutlich an Bedeutung.
Was bedeutet BT 64?
BT steht für Bautechnisches Verfahren. Dabei handelt es sich um standardisierte Arbeitsverfahren, die von den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung geprüft wurden und als emissionsarme Verfahren anerkannt sind.
Ziel ist es, die notwendigen Arbeiten emissionsarm durchzuführen, und damit die Gesundheit der Handwerker zu schützen.
BT 64 trägt die Bezeichnung: „Herstellen von Kernbohrungen in asbesthaltigen Fußböden für Trocknungsarbeiten“ (Link zum Verfahren: https://www.dguv.de/medien/ifa/de/pra/asbest/bt-64.pdf)
Das Verfahren wurde speziell dafür entwickelt, Bohrungen in Bodenaufbauten kontrolliert und emissionsarm durchzuführen, um anschließend eine technische Trocknung nach Wasserschäden aufzubauen.
Warum ist BT 64 heute überhaupt notwendig?
Die novellierte Gefahrstoffverordnung stellt die Regulierung von Wasserschäden vor Herausforderungen:
Für Gebäude, bei denen der Baubeginn vor dem 31. Oktober 1993 lag, muss grundsätzlich berücksichtigt werden, dass asbesthaltige Baustoffe vorhanden sein könnten. Dies betrifft nicht nur sichtbare Asbestprodukte, sondern auch Materialien wie Fliesenkleber, Spachtelmassen, Estriche oder Trennlagen im Bodenaufbau.
Bei einem Wasserschaden entsteht dadurch ein Problem:
Um eine Estrichdämmschicht zu trocknen, müssen in der Regel Bohrungen in den Boden eingebracht werden. Besteht die Möglichkeit, dass dabei asbesthaltige Materialien durchbohrt werden, dürfen diese Arbeiten nicht einfach ohne geeignete Schutzmaßnahmen erfolgen.
Genau an dieser Stelle kommt BT 64 ins Spiel: Das Verfahren ermöglicht die Durchbohrung von asbesthaltigen, mineralische Fußbodenaufbauten – insbesondere Estriche. Das bedeutet, dass auch asbesthaltiger Estrich im Rahmen von BT 64 bearbeitet werden kann.
Nicht geeignet ist das Verfahren hingegen für asbesthaltiges Cushion-Vinyl. Aufgrund der Materialeigenschaften kann es hier zu unkontrollierter Faserfreisetzung kommen, sodass die Anforderungen an ein emissionsarmes Verfahren nicht sicher eingehalten werden können
Wann wird BT 64 eingesetzt?
Typische Einsatzfälle sind:
- Wasserschäden in Wohngebäuden
- Durchfeuchtete Estrichdämmschichten
- Gebäude mit unbekanntem Baujahr und nicht bekanntem Kernsanierungszustand
- Gebäude mit Baubeginn vor dem 31.10.1993
- Situationen, in denen Asbest im Bodenaufbau nicht ausgeschlossen werden kann
Das Verfahren ermöglicht es, kontrollierte Bohrungen durchzuführen und gleichzeitig die Anforderungen des Arbeitsschutzes einzuhalten.
Welche Alternativen gäbe es ohne BT 64?
Alternative 1: Beproben und auf Laborergebnisse warten
Eine Möglichkeit wäre, zunächst ausschließlich Materialproben zu entnehmen und diese im Labor auf Asbest untersuchen zu lassen.
Erst nach Vorliegen des Laborergebnisses könnte entschieden werden, ob eine normale Trocknung möglich ist oder zusätzliche Schutzmaßnahmen erforderlich sind.
Das Problem: Während dieser Zeit bleibt die Durchfeuchtung bestehen. Wasser kann sich weiter ausbreiten, Estrichdämmungen bleiben nass und das Risiko für mikrobielles Wachstum steigt. Der ursprüngliche Schaden kann dadurch größer werden.
Eine Schadenminderung erfolgt in diesem Fall nicht.
Alternative 2: Sofort eine vollständige Asbestbaustelle nach TRGS519 einrichten
Die andere Möglichkeit wäre, von Anfang an mit den umfangreichen Schutzmaßnahmen einer klassischen Asbestsanierung zu arbeiten.
Dies ist zwar technisch möglich, verursacht jedoch erheblich höhere Aufwände und Kosten – auch in Fällen, in denen sich später herausstellt, dass überhaupt kein Asbest vorhanden ist.
Wie läuft BT 64 in der Praxis ab?
Das Verfahren verbindet Schadenminderung und Arbeitsschutz. Vereinfacht dargestellt läuft der Prozess häufig wie folgt ab:
- Ein Teil des Bodenaufbaus wird als potenziell asbestverdächtig eingestuft.
- Die notwendigen Bohrungen werden nach BT 64 durchgeführt.
- Die Bohrkerne gehen in die Analytik
- Die Estrichdämmschichttrocknung wird unmittelbar aufgebaut
- Die Proben werden im Labor analysiert.
- Während die Analytik läuft, beginnt bereits die technische Trocknung.
Dadurch entsteht keine unnötige Wartezeit zwischen Schadenaufnahme und Schadenminderung. Die Schadenminderung kann sofort
Welche Vorteile hat BT 64 für Versicherer und Geschädigte?
Schnellere Schadenminderung
Eine Technische Trocknung ist schadenmindernd sofort möglich. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass sich die Durchfeuchtung ausweitet oder Folgeschäden entstehen, was die Sanierung länger und kostenintensiver machen würde.
Rechtssicheres Vorgehen
Arbeiten werden unter Anwendung eines anerkannten emissionsarmen Verfahrens (DGUV) durchgeführt. Dadurch lassen sich die Anforderungen der Gefahrstoffverordnung und der TRGS 519 praxisgerecht erfüllen.
Weniger unnötige Rückbauten
Nicht jeder Verdachtsfall bestätigt sich später als Asbestschaden. BT 64 ermöglicht ein abgestuftes Vorgehen, ohne sofort die aufwendigsten Maßnahmen einzuleiten.
Bessere Steuerung von Kosten und Dauer
Die Kombination aus Sofortmaßnahmen, Probenahme und laufender Trocknung kann dazu beitragen, Schadenhöhe und Sanierungsdauer zu begrenzen. Dies ist insbesondere bei versicherten Leitungswasserschäden relevant.
Was passiert nach dem Laborergebnis?
Nach Vorliegen der Analytik ergeben sich typischerweise zwei Szenarien:
Kein Asbestnachweis
Die Trocknung kann regulär abgeschlossen werden. Anschließend erfolgt die Wiederherstellung in Abstimmung mit dem Versicherer und Geschädigten.
Asbest wird nachgewiesen
Dann wird festgelegt, welche weiteren Maßnahmen für Rückbau oder Wiederherstellung erforderlich sind. Abhängig von Material, Tätigkeit und Risikobewertung können hierfür andere zugelassene emissionsarme Verfahren oder zusätzliche Schutzmaßnahmen notwendig werden.
Fazit: Warum BT 64 in der Wasserschadensanierung so wichtig ist
In der Praxis der Wasserschadensanierung stehen Sanierungsunternehmen regelmäßig vor einem Dilemma: Der Wasserschaden erfordert sofortiges Handeln, gleichzeitig ist häufig noch unklar, ob sich im Bodenaufbau asbesthaltige Materialien befinden.
Eine Laboranalyse schafft zwar Gewissheit, benötigt jedoch Zeit. Zeit, die auf einer Wasserschadenbaustelle oft nicht vorhanden ist. Wird nicht rechtzeitig gehandelt, kann sich die Feuchtigkeit weiter ausbreiten, mikrobieller Befall entstehen und die betroffene Bausubstanz zusätzlichen Schaden nehmen.
Genau für diese Situation wurde das emissionsarme Verfahren BT 64 entwickelt. Es ermöglicht die Herstellung von Kernbohrungen im Estrich, um eine Estrichdämmschichttrocknung unmittelbar einzuleiten – auch dann, wenn ein Asbestverdacht noch nicht abschließend geklärt werden konnte.
Dabei wird grundsätzlich mit der notwendigen Vorsicht gearbeitet: Die Bohrungen erfolgen unter kontrollierter Absaugung, gleichzeitig können Materialproben für die Laboranalyse entnommen werden. Während die Untersuchung läuft, kann die technische Trocknung bereits beginnen.
Für Versicherer und Geschädigte bedeutet das einen wichtigen Vorteil: Die Schadenminderung startet sofort, ohne auf Laborergebnisse warten zu müssen. Dadurch lassen sich Folgeschäden vermeiden, Sanierungszeiten verkürzen und in vielen Fällen unnötig aufwendige Maßnahmen vermeiden.
BT 64 schafft damit einen praxisgerechten Weg zwischen Abwarten und vorsorglichem Komplettaufbau einer Asbestbaustelle nach TRGS519 – und hilft, Wasserschäden schneller, wirtschaftlicher und im Einklang mit den aktuellen Anforderungen der Gefahrstoffverordnung zu bearbeiten.